Zeit, etwas zurückzugeben

Michael Kaschke ist als Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde und Förderer an die Universität Jena zurückgekehrt. Ein Gespräch über Dankbarkeit, Exzellenz – und die Frage, was eine Universität heute ausmacht.

Prof. Dr. Dr. h. c. Michael Kaschke im Physik-Hörsaal, einem prägenden Ort seiner Studienzeit in Jena.

Foto: Nicole Nerger (Universität Jena)
Prof. Dr. Dr. h. c. Michael Kaschke im Physik-Hörsaal, einem prägenden Ort seiner Studienzeit in Jena.

Text: Katja Bär


Herr Prof. Kaschke, Sie kehren als Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde und Förderer an Ihre Alma Mater zurück. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute an die Universität Jena denken?

Vor allem Dankbarkeit – und die Erinnerung an eine prägende Zeit. Jena ist eine Universität mit großer Geschichte und für mich persönlich etwas ganz Besonderes. Ich habe in meinem Berufsleben viele Universitäten kennengelernt, aber Jena nimmt für mich eine eigene Stellung ein. In meinem Physikstudium hatte ich herausragende Lehrer – etwa Max Schubert, Bernd Wilhelmi oder Ernst Schmutzer. Ihre Bücher sind bis heute Standardwerke. Als Student nimmt man das nicht in dieser Tiefe wahr, aber rückblickend erkennt man die außergewöhnliche Qualität der Lehre. Und ich habe die Offenheit der Volluniversität sehr geschätzt: Ich habe neben der Physik auch Anglistik, physikalische Chemie und Kunstgeschichte gehört. Diese fachliche Breite und die kurzen Wege in der Stadt – das ist mir bis heute in lebendiger Erinnerung geblieben.

Wie kamen Sie nach Jena?

Ich bin in Dresden zur Schule gegangen und habe mich ganz bewusst für Jena entschieden. Geprägt haben mich damals Schülerzeitschriften aus Jena – »alpha« und »puls 68«. Sie erschienen alle zwei Monate. Ich habe jede Ausgabe gelesen, später in Jena selbst mitgearbeitet und schließlich die Chefredaktion übernommen. Über dieses Engagement habe ich auch meine Frau kennengelernt.

Gibt es Orte in Jena, mit denen Sie besondere Erinnerungen verbinden?

Ja, mehrere. Die Rosensäle, damals noch Bibliothek, waren ein Ort großer Ruhe, an dem ich gern und oft gearbeitet habe. Und natürlich der Hörsaal 1 der Physik: Dort habe ich meine ersten Vorlesungen gehört und später selbst welche gehalten. Und nicht zuletzt die Bauhaus-Mensa – auch das gehört zu meinen Erinnerungen an den studentischen Alltag.


Menschen lassen sich am besten durch überzeugende Konzepte motivieren – in der
Wirtschaft genauso wie an Universitäten.

Michael Kaschke


Sie haben mit ZEISS viele Jahre ein international tätiges Unternehmen geführt. Worin unterscheidet sich Führung in der Wirtschaft von Führung im universitären Kontext?

Ich war ja nicht nur CEO von ZEISS, sondern auch Mitglied im Universitätsrat Jena, Aufsichtsratschef am KIT, Mitglied des Wissenschaftsrats und zuletzt Präsident des Stifterverbandes. Aus diesen Perspektiven würde ich sagen: Ich sehe weniger Unterschiede, als oft behauptet wird. Natürlich muss ein Unternehmen zuallererst profitabel sein, um dann auch andere Ziele verfolgen zu können. Aber Unternehmen wie Universität sollten beide nach Exzellenz streben: Unternehmen entwickeln Spitzenprodukte, Universitäten exzellente Absolventinnen und Absolventen sowie Spitzenforschung. Und für beide gilt: Menschen lassen sich am besten durch Ideen, durch Visionen und durch überzeugende Konzepte motivieren.

Welche Rolle spielt die Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft an einem Standort wie Jena?

Ich glaube, dass Jena deutschlandweit eine der besten Verzahnungen hat, das heißt nicht, dass man nicht noch mehr daraus machen kann. Ein Potenzial sehe ich zum Beispiel in der personellen Durchlässigkeit: dass Wissenschaftler zeitweise in Unternehmen arbeiten und umgekehrt. An anderen Standorten ist man da zum Teil schon weiter. 

Was hat Sie motiviert, den Vorsitz der Gesellschaft der Freunde und Förderer zu übernehmen?

Für mich war es ein Gedanke des Zurückgebens. Ich habe der Universität Jena viel zu verdanken. Ich verbinde mit dem Vorsitz des Förderkreises drei Anliegen: Erstens möchte ich Inspiration mitgeben – vielleicht auch Vorbild sein. Zweitens möchte ich meine Netzwerke einbringen, um die Sichtbarkeit der Universität zu stärken. Und drittens ist mir das Thema Exzellenz wichtig: Leistung und Qualität sollten noch stärker im Mittelpunkt stehen. 

Welche Rolle können Alumni für ihre Universität spielen? 

Viele, die hier studiert haben, fühlen sich ihrer Universität verbunden und möchten etwas zurückgeben. Wie das aussieht, ist eine persönliche Entscheidung. Die Universität und ihr Förderverein können aber Angebote machen.

Welche Potenziale sehen Sie für die Gesellschaft der Freunde und Förderer?

Für mich steht der Gedanke des Bürgerengagements im Mittelpunkt. Alumni und Alumnae und Mitglieder der Universität können gemeinsam viel bewegen. Dabei geht es nicht nur um zusätzliche Finanzierung. Wichtiger ist es, Freiräume zu schaffen: neue Ideen zu ermöglichen, innovative Projekte zu unterstützen und zusätzliche Handlungsspielräume zu eröffnen.

Welche Botschaft geben Sie Studierenden heute mit auf den Weg?

Die Studienzeit an einer Universität ist ein großes Privileg. Man sollte sie wirklich nutzen, um Zusammenhänge zu verstehen und Neues für sich zu entdecken. Ein Lehrer hat einmal zu mir gesagt: In der Grundschule lernt man lesen und schreiben. Im Gymnasium lernt man, wie man lernt. An der Universität lernt man, was man alles lernen kann. Danach beginnt das lebenslange Lernen. Deshalb rate ich: nicht zu früh spezialisieren, sondern die Breite nutzen. Genau darin liegt die besondere Stärke auch einer Universität wie Jena.

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