Demokratiebildung in der Lehrerbildung

In der Gesellschaft – für die Gesellschaft

Demonstrierende Person hält ein handgeschriebenes Plakat mit der Aufschrift "Error 155: Democracy not found".

Foto: Randy Colas/Unsplash
Demonstrierende Person hält ein handgeschriebenes Plakat mit der Aufschrift "Error 155: Democracy not found".

Nachhaltig und lebensnah sollte wirkungsvolle Demokratiebildung an Schulen sein. Deshalb loten Jenaer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf breiter Basis digitale Potenziale bei der Vermittlung demokratischer Grundprinzipien aus und zeigen, wie sie in der Schule Anwendung finden.

Text: Sebastian Hollstein


Junge Menschen für demokratische Werte, kritisches Denken und politische Teilhabe zu befähigen, ist eine langfristige Aufgabe.

Michael May

Porträt von Prof. Dr. Michael May, Professor für Didaktik der Politik der Uni Jena

Foto: Nicole Nerger (Universität Jena)

Die Demokratie steht unter Druck. Laut aktuellem Deutschlandmonitor sind mehr als ein Fünftel der Deutschen »für autoritäre Ideen zumindest in Teilen empfänglich«. Vor diesem Hintergrund rückt die Demokratiebildung an Schulen zunehmend in den Fokus. Doch gute Demokratiebildung lässt sich nicht im Sprint meistern, sondern ist eine langfristige Herausforderung. »Junge Menschen für demokratische Werte, kritisches
Denken und politische Teilhabe zu befähigen, ist eine langfristige Aufgabe, die nachhaltige Arbeit erfordert«, sagt Politikdidaktiker Prof. Dr. Michael May.

Doch was ist schulische Demokratiebildung überhaupt? Die Bundesländer halten in ihren Schulgesetzen fest, dass Schülerinnen und Schüler im Sinne der Demokratie erzogen werden sollen. Ein Ziel von Schule sei »die Befähigung zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zur Mitgestaltung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung«, heißt es etwa im Thüringer Schulgesetz.

»Diese Vermittlung findet in der Regel auf zwei Ebenen statt«, erklärt May. »Erstens über entsprechende politische Bildung vor allem in den dafür vorgesehenen Fächern wie – in Thüringen – Sozialkunde. Hier werden abstrakte Begriffe wie Gewaltenteilung und Pluralismus thematisiert und Institutionen vorgestellt. Zweitens sollte eine Schule demokratische Elemente in allen Prozessen aufgreifen und leben.« Schülermitbestimmung, beispielsweise in Form eines Klassenrats, ermögliche Wirksamkeitserfahrungen und mache demokratische Prinzipien erlebbar. Zudem habe das soziale Klima eine entscheidende Bedeutung, das durch Faktoren wie die Interaktionsqualität während des Unterrichts, den Umgang mit Fehlern und durch eine wertschätzende Kommunikation beeinflusst werde.


Schule ist eine Institution in der Gesellschaft für die Gesellschaft.

Ralf Koerrenz

Porträt von Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz. Er ist einer der Direktoren des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZLB) der Universität Jena.

Foto: privat

Digitalisierung offensiv in die Schulentwicklung integrieren

Im besten Falle sollte all das so lebensnah wie möglich gestaltet sein. Denn: »Schule ist eine Institution in der Gesellschaft für die Gesellschaft. Sie kann nicht unabhängig von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gedacht werden«, sagt Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz, einer der Direktoren des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZLB) der Universität Jena. Und dazu gehören inzwischen auch Smartphones, Social Media und Künstliche Intelligenz.

Zum einen gilt es, Schülerinnen und Schülern Phänomene digitaler (Des-)Information und deren politische Folgen sowie die Auswirkungen sozialer Medien auf das soziale Miteinander greifbar zu machen. Zum anderen öffnet die Digitalisierung aber auch einen neuen Raum für die demokratische Schulentwicklung. 

Jenaer Expertinnen und Experten etablierten deshalb im Rahmen des großen Kompetenzverbunds »lernen:digital« des Bundesbildungsministeriums, der »den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis für die digitale Transformation von Schule und Lehrkräftebildung« gestaltet, den Forschungsverbund »Schulentwicklung: Digital – Demokratisch« (SchuDiDe). Darin loteten Forschende an insgesamt sechs Universitäten die Potenziale und Grenzen der Digitalisierung in Bezug auf die Demokratiebildung an Schulen aus. »Uns ist es wichtig, das Thema Demokratie sehr offensiv mit den aktuellen Prozessen der Schulentwicklung – Digitalisierung und Künstliche Intelligenz – zu verknüpfen, denn bisher spielte es darin kaum eine Rolle«, sagt Koerrenz, der wissenschaftliche Leiter des Verbunds. 

Freiheit voraussetzen – Begrenzung verlangen

SchuDiDe wird getragen von einem interdisziplinären Netzwerk mit Forschenden aus der Erziehungs-, Kommunikations-, Politik- und Rechtswissenschaft sowie aus Bildung und Kultur. »Wir wollen das Thema aus sehr vielen Perspektiven beleuchten«, sagt Ralf Koerrenz. Dabei habe sich eine erstaunliche Strukturparallele zwischen Demokratie und Digitalisierung herausgestellt: In beiden Bereichen gehe es stark um Partizipation, die einerseits Freiheit und Offenheit voraussetze, gleichzeitig nach Praktiken der Begrenzung verlange, um klar zu definieren, was tolerierbar ist und was nicht. 

In zehn Teilprojekten haben die Mitwirkenden von SchuDiDe Fortbildungsformate entwickelt, die zeigen, wie
Schulen Demokratieförderung in digitaler Form betreiben können. Auf der Mikroebene, die sich der Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen widmet, entwickelten sie beispielsweise eine Partizipations-App, über die Schülerinnen und Schüler den Lehrkräften während des Unterrichtsgeschehens Feedback geben können.

Auf einer mittleren Ebene, die die Alltagspraxis an Schulen in den Blick nahm, verfolgten die Forschenden etwa die Idee von digitalen Projekttagen, mit denen Schülerinnen und Schüler ihren Lehrerinnen und Lehrern Einblick in ihre Lebenswelt geben. Erarbeitet wurden auch Fortbildungsangebote für den Umgang mit antidemokratischen und extremistischen Verhaltensweisen in der Schule.

Auf der Makroebene der Schule als Institution setzten sie sich mit juristischen und ethischen Grundfragen auseinander, zum Beispiel ob und wie Handyverbote an Schulen funktionieren und wie sich mit den sozialen Medien an Schulen umgehen lässt.

Grundlegend für die Umsetzung der verschiedenen Vorhaben ist eine enge Verflechtung von universitärer Forschungspraxis und Schulwirklichkeit. »Wir sind an die Schulen gegangen und haben die Projekte im direkten Austausch mit Lehrerinnen und Lehrern entwickelt«, sagt Ralf Koerrenz. »Es ist elementar, Rahmenbedingungen an den Schulen zu kennen und daran anknüpfend Impulse in die Praxis einzubringen. Nur so funktioniert Schulentwicklung.«

Demokratiebildung in der Lehrkräfteausbildung

Die Ideen, Erkenntnisse und Erfahrungen aus dieser Forschung fließen nicht nur in Fort- und Weiterbildungsangebote für aktive Lehrkräfte, sondern auch in die Ausbildung zukünftiger Lehrerinnen und Lehrer. Hier setzt das ZLB einen klaren Demokratieschwerpunkt, der in den kommenden Jahren weiter an Format gewinnt. So entwickeln die Pädagoginnen und Pädagogen unter anderem unter dem Titel „Schule als Lernraum der Demokratie“ das Konzept für eine Lernwerkstatt, in der die Studierenden selbstständig und praxisnah Maßnahmen und Methoden zur Demokratiebildung erarbeiten und ausprobieren können.

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