Zeit, etwas zurückzugeben
Neuanfang beim Förderkreis
Roberto Simanowski (Jahrgang 1963) hat an der Uni Jena Deutsche Literatur und Geschichte studiert. Heute lebt der Literatur- und Medienwissenschaftler als Publizist in Berlin und Rio de Janeiro. Was hat er nach zahlreichen Lebens- und Arbeitsstationen aus seiner Jenaer Zeit in den 1980er und 90er Jahren mitgenommen?
Damals glaubte ich, dass ich ein beschauliches Leben hinter Mauern führen würde. Als Literaturkritiker, der ab und zu mit der Staatsmacht um die Auslegung kluger Texte streitet und im Sommer im Süden Bulgariens auf die Grenzen seiner Welt stößt. Mit der Wende kamen die Stipendien für ostdeutsche Studierende. Ich lernte Portugiesisch in Lissabon, Englisch in San Francisco, ging als Postdoc nach Harvard und blieb zehn Jahre in den USA.
Danach folgten Professuren an der Universität Basel und an der City University of Hong Kong. Mein Forschungsinteresse hatte mich inzwischen von der Germanistik, in der ich meine Doktorarbeit schrieb (über Goethes Schwager), zur Medienwissenschaft geführt, in der ich habilitierte (zur Kunst im Internet). Ich glaubte damals, es sei gut für die Karriere international und interdisziplinär zu sein.
Heute weiß ich, dass man auf diese Weise nirgends richtig Fuß fasst. Das ist problematisch, zumindest in Deutschland, wo man kaum eine Professur bekommt, ohne gut vernetzt zu sein. Oder war es meine DDR-Herkunft? Das zumindest sagt mein Studienfreund Dirk Oschmann in seinem Buch »Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung« und rät dazu, im Bewerbungsschreiben die DDR-Herkunft zu verschweigen.
Als ich das Buch las, wollte ich allerdings schon keine Professur in Deutschland mehr. Ich wollte in Rio am Strand liegen, wo meine Frau herkommt, und die Bücher schreiben, die ich wirklich schreiben will. Meine Frau, die in Hong Kong ebenfalls an der Uni arbeitete, traf ich übrigens in Deutschland, auf einer Konferenz in Siegen. Und das hätte ich zum Anfang meines Studiums definitiv nicht für möglich gehalten, beides: Siegen und Rio.