Prof. Dr. Jens-Christian Wagner steht auf einer Freifläche im im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar.

Eine Frage – eine Antwort

Forschende der Universität zu aktuellen Themen der Zeit
Prof. Dr. Jens-Christian Wagner steht auf einer Freifläche im im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar.
Foto: Jens Meyer (Universität Jena)

Wie kann Demokratie ohne Vergangenheit bestehen?

Text: Jens-Christian Wagner


Wissenschaftlich fundierte Geschichtsschreibung ist ein quellenbasierter, aber auch konstruktiver Prozess, ohne Anspruch auf endgültige Wahrheit und geprägt von subjektiven Wahrnehmungen wie auch kollektiven Sinnstiftungen. Die Sicht einer Gesellschaft auf ihre Geschichte ist ein kontinuierlicher Aushandlungsprozess, ohne grundlegende Fakten infrage zu stellen.

Fast alle Gesellschafts- und Staatsordnungen legitimieren sich über Geschichte – oft mit einer Erzählung nationaler Größe, die es mit Fakten nicht allzu genau nimmt. Das gilt vor allem für autoritäre oder diktatorische Systeme. In Demokratien sollte hingegen ein kritisch-reflexiver Blick auf die Geschichte vorherrschen, vor allem, wenn es darum geht, die Geschichte als Ausgangspunkt für demokratische Selbstverständigungsprozesse über die Frage zu verstehen, in welcher Gesellschaftsordnung wir leben möchten.

Ein Beispiel dafür ist die Erinnerungskultur in Deutschland. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts
ist durch die nationalsozialistischen Verbrechen geprägt. Unsere Demokratie mit der in Artikel 1 des Grundgesetzes geforderten Unantastbarkeit der Menschenwürde fußt auf den Lehren aus dieser Geschichte. Die Anerkennung der NS-Verbrechen, vor allem der Shoah, ist das Fundament unserer Demokratie. Wer geschichtsrevisionistische Positionen und Holocaust-Verharmlosung verbreitet, greift die Demokratie an. Dem müssen wir eine quellengestützte, wissenschaftlich basierte und kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte entgegensetzen.

Jens-Christian Wagner ist Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit der Universität Jena und leitet die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. 2025 ist ihm für sein Engagement gegen Geschichtsrevisionismus der Verdienstorden am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen worden.

Wie wird die Rente wieder sicher?

Prof. Dr. Silke Übelmesser, porträtiert neben einem Modell der Bevölkerungspyramide von Deutschland.

Foto: Nicole Nerger (Universität Jena)

Text: Silke Übelmesser


Mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand wird die Alterung der Gesellschaft in Deutschland immer deutlicher. In den kommenden Jahren dürfte sich die wirtschaftliche Dynamik weiter abschwächen, während gleichzeitig die Ausgaben der sozialen Sicherungssysteme steigen. Besonders betroffen sind umlagefinanzierte Systeme wie die gesetzliche Rentenversicherung. Um sie dauerhaft zu stabilisieren, sind Reformen notwendig, die langfristig tragen und alle drei Säulen der Alterssicherung einbeziehen.

Dabei gibt es mehrere Stellschrauben. In der gesetzlichen Rentenversicherung zählen dazu insbesondere Renteneintrittsalter, Rentenniveau und Beitragssatz. Zudem stellt sich die Frage, wie sich sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ausweiten lässt, etwa durch eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen,
Älteren und zugewanderten Arbeitskräften. Auch die betriebliche und die private Altersvorsorge können einen wichtigen Beitrag leisten. Voraussetzung dafür ist, dass sie weit verbreitet sind und alle Bevölkerungsgruppen erreichen. 

Insgesamt sollte das Ziel sein, sowohl für gut Verdienende als auch für Menschen mit niedrigen Einkommen
eine verlässliche Absicherung im Alter zu gewährleisten, die auf den drei Säulen beruht und bei Bedarf durch staatliche Transfers ergänzt wird. Dafür sind alle genannten Stellschrauben sowie weitere mögliche Anpassungen zusammenzudenken, um zu einem nachhaltigen und generationengerechten Ergebnis zu gelangen.

Silke Übelmesser, Finanzwissenschaftlerin von der Universität Jena, ist eines von acht wissenschaftlichen Mitgliedern der Rentenkommission der Bundesregierung. Das Gremium erarbeitet bis Mitte 2026 Vorschläge für eine umfassende Reform der Alterssicherung in Deutschland.

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