Restaurierte Särge in der Fürstengruft unter der Stadtkirche St. Michael in Jena.

Fürstengruft

Die Ruhestätte der Jenaer Fürsten erstrahlt in neuem Glanz
Restaurierte Särge in der Fürstengruft unter der Stadtkirche St. Michael in Jena.
Foto: Nicole Nerger (Universität Jena)

Text: Stephan Laudien


Jena nimmt Abschied vom letzten Fürsten aus dem Hause Sachsen-Jena. Eine düstere Szenerie beherrscht die Stadt am 19. Februar des Jahres 1691: Gassen und Wege sind in das Licht von Fackeln getaucht, als die Kutsche mit dem prunkvollen Sarg Johann Wilhelms aus dem Schloss rollt, gezogen von sechs Rappen. Dem Wagen folgen die Honoratioren aus Stadt und Universität, über die Oberlauengasse und den Markt geht es zur Stadtkirche. Hier findet der junge Herzog seine letzte Ruhestätte. Gestorben ist Johann Wilhelm am 4. November 1690 an den Pocken; er ist gerade mal 15 Jahre alt.

„Zwischen dem Tod des letzten Herzogs aus dem Hause Sachsen-Jena und seiner Beisetzung in der Fürstengruft lagen 106 Tage“, sagt Dr. Enrico Paust, Kustos der Sammlung Ur- und Frühgeschichte der Universität. Den Überlieferungen zufolge war der Leichnam in der Zwischenzeit einbalsamiert worden und „in Sand gestellt“. Acht Tage vor dem Begräbnis wird der Herzog aufgebahrt, sodass sich die Jenaer Einwohner und die Universitätsangehörigen verabschieden können. Der Beisetzung in der Gruft der Stadtkirche folgt ein großer Leichenschmaus im Schloss. Das Begräbnis kostet über 10.000 Taler. Die Gäste erhalten zudem eine Bestattungsmünze zur Erinnerung an den teuren Toten. Je nach Stand gibt es einen Taler bis hin zum Viertelgroschen. Bis heute sind die Münzen bei Sammlern begehrt.

Mit dem frühen Tod des Herzogs erlischt nicht nur das Haus Sachsen-Jena. Es stirbt auch der Rektor der Jenaer Universität. Die Ruhestätte in der Stadtkirche St. Michael teilt sich der Herzog mit seinem Vater, Herzog Bernhard, seiner Mutter Marie Charlotte de La Trémoille und einem Bruder. Die vier Prunksärge werden in der Stadtkirche aufgestellt, die damals noch anders gestaltet ist. Sie finden ihren Platz links vom Altar der Heiligen Elisabeth, über ihnen die bronzene Grabplatte Luthers. Während der Gottesdienste sind die Särge sichtbar, die Fürstenfamilie bleibt im Gedächtnis der Menschen.

Brandanschlag auf den Fürstensarg und rätselhafte Flaschenpost

Unversehrt überdauern die vier Zinnsärge die Jahrhunderte und ihre Kriege, selbst die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs. Anders sieht es in der Nachkriegszeit aus. Zunächst verschwinden der Fürstenhut, ein zerbrochener Degen und vergoldete Sporen. Diese herrschaftlichen Insignien hatten auf dem Sarg von Johann Wilhelm gelegen. Von ihnen fehlt bis heute jede Spur. Diebe nehmen zudem ein paar vergoldete Zinnscheiben mit und hinterlassen ein Loch im Sarg. Dieses Loch ist 1958 das Einfallstor für einen Brandanschlag, den Unbekannte auf die letzte Ruhestätte des Herzogs verüben.

„Der Brand konnte rasch gelöscht werden“, sagt Enrico Paust. Zudem bot sich die Gelegenheit, den Sarg samt Inhalt wissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen. Danach wurde er wieder verschlossen. Das Kriminalstück um die Fürstengruft war damit längst nicht zu Ende. Es nahm vielmehr erst richtig Fahrt auf. Als nämlich gut 70 Jahre später die Prunksärge in der Stadtkirche gereinigt wurden, nutzten Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler die Gelegenheit, per Endoskop einen Blick ins Innere zu werfen. Das verblüffende Ergebnis: Die Gebeine des Herzogs fehlten, stattdessen fand sich eine Flaschenpost im Sarg.

„In der Flaschenpost fanden wir einen Artikel aus der wissenschaftlichen Zeitschrift der Uni über die Geschehnisse 1958 und den Hinweis, die Gebeine des Herzogs seien in der Osteologischen Sammlung der Universität“, sagt Enrico Paust. Doch dort: Fehlanzeige! Schließlich fanden sich die Knochen im Nachlass eines langjährigen Mitarbeiters. Der Mann hatte kistenweise Dinge gehortet, die für die Mülltonne bestimmt waren. Eine glückliche Fügung.

DNA-Analyse und Gesichtsrekonstruktion des jugendlichen Fürsten

Ein interdisziplinäres Forschungsteam nutzte die Gelegenheit, die prächtige Grablege genau unter die Lupe zu nehmen. Beteiligt waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Jena, Erfurt, Leipzig, Ulm und Brüssel. Untersucht wurden die Kleidungsstücke des Herzogs, Pflanzenreste aus dem Kissen und weitere Grabbeigaben. Dem Schädel wurde ein Zahn extrahiert, um DNA-Untersuchungen vornehmen zu können. Geplant ist eine Gesichtsrekonstruktion, andere Ergebnisse liegen bereits vor. So wurde festgestellt, dass Wildgerichte und Süßwasserfische auf dem Speiseplan Johann Wilhelms standen.

Digitalisierungsexperten und Restaurierungsfachleute schufen außerdem ein digitales Abbild des Sarges, dessen kunstvolle Verzierungen faszinieren. So schimmerte einst das Kruzifix auf dem Sarg rötlich – Materialuntersuchungen belegen, dass es aus Rosé-Silber gefertigt wurde, einer Silber-Kupfer-Legierung. Wiederhergestellt wurden ebenso die Inschriften auf der Oberseite des Sarges, die im Original kaum noch lesbar
sind. Dazu wurde per Hand ein Alphabet geschaffen, orientiert an den Inschriften auf den Seitenwänden. Der ursprüngliche Text auf dem Sarg war durch eine Abschrift bekannt und konnte so rekonstruiert werden. Im Laufe der Jahre hatten sich die Zinnoberflächen verdunkelt, Vergoldungen sind abgerieben. Außerdem
fehlen einige Schmuckelemente.

Die Farbrekonstruktion des barocken Prunksargs setze europaweit neue Maßstäbe, konstatiert Enrico Paust. Alle Digitalisierungsarbeiten hätten vor allem einen dokumentarischen Charakter, sie lassen erkennen, welche Veränderungen es im Laufe der Zeit gegeben hat. Die Forschungsarbeiten rings um die Ruhestätte des letzten Jenaer Fürsten sind noch lange nicht beendet. Die sterblichen Überreste des Herzogs indes haben wieder ihre Ruhe gefunden. Im Beisein von Vertretern des Hauses Sachsen-Weimar-Eisenach kamen die Gebeine und Grabbeigaben wieder in den Originalsarg zurück.

Dr. Enrico Paust, Kustos der Sammlung Ur- und Frühgeschichte, hier mit einem Gemälde des Universitätsgründers Kurfürst Johann Friedrich I.

Foto: Nicole Nerger (Universität Jena)

Das Jenaer Fürstentum

  • 1672

    Das Fürstentum Sachsen-Jena wird gegründet. Erster Fürst ist Herzog Bernhard von Sachsen.

    Gründung
  • 1675

    Johann Wilhelm kommt als jüngstes Kind von Herzog Bernhard und seiner Frau Marie Charlotte zur Welt.

    Geburt
  • 1678

    Herzog Bernhard stirbt und der dreijährige Johann Wilhelm übernimmt unter Vormundschaft die Herrschaft.

    Herrschaft
  • 1690

    Mit dem Tod von Herzog Johann Wilhelm erlischt die Linie.

    Tod

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