Vizepräsidentin für Universitätsgemeinschaft und Engagement, Prof. Dr. Bärbel Kracke, im Phyletischen Museum der Uni Jena

Die Schatzkammern der Uni

Hinter verschlossenen Türen und doch mittendrin: Vizepräsidentin Bärbel Kracke über den Wert der wissenschaftlichen Sammlungen für Forschung und Lehre.
Vizepräsidentin für Universitätsgemeinschaft und Engagement, Prof. Dr. Bärbel Kracke, im Phyletischen Museum der Uni Jena
Foto: Nicole Nerger (Universität Jena)

Vizepräsidentin für Universitätsgemeinschaft und Engagement Prof. Dr. Bärbel Kracke im Phyletischen Museum mit Präparator Mathias Krüger

Foto: Nicole Nerger (Universität Jena)

Text: Ute Schönfelder


Was ist der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Sammlung und einem Museum?

Bärbel Kracke: Kurz gesagt: Museen kommunizieren primär nach außen, während wissenschaftliche Sammlungen nach innen arbeiten. Ein Museum hat einen klaren Ausstellungs- und Bildungsauftrag für die Öffentlichkeit. Eine wissenschaftliche Sammlung ist eine Forschungsinfrastruktur, die zur Erkenntnisgewinnung dient. Sie ermöglicht die langfristige Sicherung von Belegen und unterstützt die Lehre mit ihren Anschauungsobjekten.

Wenn wir auf die wissenschaftlichen Sammlungen und Museen der Uni Jena schauen: Was zeichnet diese aus?

Das Besondere an unseren Museen und Sammlungen ist ihre fachliche Spannweite. Diese reicht von den verschiedenen naturwissenschaftlichen Sammlungen, Sammlungen zur Technik- und Wissenschaftsgeschichte, über medizinische und anatomische Sammlungen bis zu archäologischen und kunsthistorischen Beständen. Besonders ist auch die historische Tiefe. Viele Bestände reichen weit in die Vergangenheit zurück und sind mit großen Namen verbunden: Goethe, Schiller, Haeckel.

Was können wissenschaftliche Sammlungen vermitteln, was Bücher oder Datensätze nicht können?

Sammlungsobjekte sind materielle Evidenz: Sie tragen weit mehr Informationen, als ein Text oder Bild oder ein Datenbankeintrag beinhaltet. Etwa zur Materialität der Objekte, zu ihrer Restaurierungsgeschichte, zu Herstellungs- oder Gebrauchsspuren. Sammlungen spielen bei der Vermittlung gleich mehrere wichtige Rollen: Sie sind Archive, in denen Wissensträger langfristig gesichert werden. Sie sind Labore, in denen immer wieder neue Methoden angewendet werden und so auch an »alten« Objekten neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Sammlungen sind selbst Lehr- und Lernorte, oftmals sind sie auch Gedächtnisorte und Kulturgut – auf jeden Fall weit mehr als nur »Aufbewahrungsstätten«, sondern aktive Wissensräume.

Können Sie das näher erläutern?

Ein gutes Beispiel ist das Collegium Jenense. Ein Ort, der seit Jahrhunderten besteht, an dem die Universität gegründet wurde und dessen Sammlungsobjekte von ausgesprochen großer Bedeutung sind. Durch neue Analysetechniken können wir diese immer wieder neu untersuchen und neue Erkenntnisse gewinnen. Wir können dank heutiger Material- und DNA-Analysemethoden zum Beispiel feststellen, wie der Alltag der Menschen an der Universität im 16. Jahrhundert aussah. Was die Menschen gegessen haben oder wie sie gekleidet waren. Und das anhand der historischen Materialien und Objekte. Diese sind in einer Sammlung praktisch Forschungsgegenstände auf Dauer. Sie »wachsen« mit dem Stand der Wissenschaft. 

Viele der Sammlungen sind nicht öffentlich zugänglich. Warum ist das sinnvoll und wie werden die Sammlungen dennoch sichtbar? 

Wie gesagt sind die Sammlungen Arbeitsräume, in denen Forschung stattfindet. Außerdem gibt es viele Objekte, die unter konservatorischen Gesichtspunkten besonders geschützt werden müssen, die besondere klimatische Bedingungen brauchen oder die lichtempfindlich sind. Gleichzeitig hat die Universität aber auch einen Vermittlungsauftrag und präsentiert ihre Sammlungsobjekte regelmäßig in Ausstellungen innerhalb der Universität oder in Museen wie dem Jenaer Stadtmuseum. Dafür gibt es an unserer Universität einen Ausstellungsbeirat. Dieses Gremium aus Fachleuten aus den universitären Sammlungen entscheidet darüber, ob eine Ausstellung in Räumen der Universität stattfinden sollte. 

Ein weiterer Weg in die Öffentlichkeit ist das Sammlungsportal. Welche Rolle spielt die Digitalisierung von Sammlungsbeständen? 

Die Digitalisierung ist eine enorme Bereicherung. Sie erweitert die Möglichkeiten, mit den wissenschaftlichen Objekten zu arbeiten: Bestände können weltweit recherchiert werden, die erhöhte Sichtbarkeit fördert interdisziplinäre Forschung und vieles mehr. Auch für den gesellschaftlichen Bildungsauftrag der Universität ist das ein Gewinn: Zum Beispiel können sich Schulklassen über unser Portal auf einen Sammlungs- oder Museumsbesuch vorbereiten. Mit unserem »Objekt des Monats« versuchen wir zusätzlich in der Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit zu sorgen.


Digitalisate können die unmittelbare Materialerfahrung von Sammlungsobjekten nicht ersetzen.

Bärbel Kracke

Gibt es auch Grenzen von Digitalisierung?

Ja. Digitalisate können die unmittelbare Materialerfahrung von Sammlungsobjekten nicht ersetzen. Und die durch Digitalisierung gewonnenen Daten sind auch immer nur so gut wie ihre Erschließung: wie sind sie auffindbar, wie sind sie kontextualisiert und so weiter. Und meistens lassen sich Sammlungen auch nicht vollständig digitalisieren, das ist auch immer eine Ressourcenfrage.

Was lernen Studierende »am Objekt« anders als in einem Seminarraum und aus einem Skript?

Sie lernen zu beobachten, zu beschreiben und zu dokumentieren. Sie können auch lernen, wie man Sammlungsobjekte zugänglich macht und zum Beispiel für Ausstellungen sinnvoll präsentiert. Dabei geht es nicht nur um die Objekte selbst, sondern auch um ihren Kontext, etwa wenn sie aus kolonialen Erwerbungen stammen. Davon gibt es einige in den wissenschaftlichen Sammlungen und Museen der Universität.

Welche Verantwortung folgt aus dieser Sammlungsgeschichte?

Das sind historische Lasten, die unsere Sammlungen tragen, etwa die Anatomische Sammlung oder das Phyletische Museum. Verantwortung heißt in diesem Zusammenhang, dass wir systematische Provenienzforschung betreiben und die Kontexte der Objekte transparent machen. In einigen Fällen hat es Rückführungen gegeben, etwa als 2022 aus Hawaii stammende menschliche Gebeine aus dem einstigen Besitz von Ernst Haeckel zurück in ihre Heimat gebracht und dort bestattet wurden. Heute verfolgen wir einen diskriminierungs- und rassismuskritischen Ansatz des Sammelns und Ausstellens.

Wenn Sie zum Schluss in die Zukunft schauen, was wünschen Sie sich persönlich in Bezug auf die universitären Sammlungen und Museen?

Mein Wunsch wäre ein Sammlungsschaufenster, in dem jede Sammlung mit einem Objekt vertreten ist. Dass es die Möglichkeit gibt, unsere »Schatzkammern« auf einen Blick und in Gänze sichtbar zu machen. Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass wir uns besser auf Notfälle in den Sammlungen vorbereiten. Etwa auf Wasserschäden oder Brände. Denn unsere Schätze sind einzigartig und im Schadensfall nicht zu ersetzen.

Steckbrief einer Sammlung: Schätze der Evolution

Im Phyletischen Museum der Universität Jena zeigen Skelette, Fossilien und andere Präparate, wie Artenvielfalt durch Evolution entstanden ist. Die Forschungssammlung in den Depots hinter der Ausstellung umfasst mehr als eine Million Objekte.

Das Museum ist 1907 von Ernst Haeckel gegründet worden. Es befindet sich in einem markanten Jugend
stilhaus und gehört zum Institut für Zoologie und Evolutionsforschung. Den »Medusensaal« schmücken Deckenfresken mit Korallen, Seeanemonen und Quallen. Weitere Räume der Dauerausstellung sind der »Evolutionssaal« sowie Räume zur stammesgeschichtlichen Entwicklung der vielzelligen Tiere und zur »Menschwerdung«. Ebenfalls zu sehen ist das fossile Skelett eines Auerochsen, das bereits Goethe untersucht hat.

Die Geschichte der Sammlungen ist weitaus älter als das Museum selbst und reicht bis ins Jahr 1700 zurück. Die Sammlung zählt mehr als 800.000 Insekten, vor allem Schmetterlinge und Käfer aus Mitteleuropa. Eine große Wirbeltiersammlung mit Skeletten und Balgpräparaten enthält auch mehr als 100 Thüringer Wildkatzen, über die im Museum geforscht wird. Ein großer Schatz sind die mehr als 2.000 mit Ethanol gefüllten Gläser mit Nasspräparaten, darunter zahlreiches Material, das von Haeckel gesammelt wurde.

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