Im Gespräch (v. l.): SCHILLER-Redakteurin Irena Walinda, Prof. Dr. Edda Humprecht und Prof. Dr. Markus Reichstein.

Debatte

Die Realität verhandelt nicht
Im Gespräch (v. l.): SCHILLER-Redakteurin Irena Walinda, Prof. Dr. Edda Humprecht und Prof. Dr. Markus Reichstein.
Foto: Nicole Nerger (Universität Jena)

Text: Irena Walinda


Was wissen wir über aktuelle Klimatrends – und wo liegen die Grenzen unseres Wissens?

Reichstein: Der Klimawandel ist real und menschengemacht. Vor wenigen Jahren wurde erstmals in einem Einzeljahr die Marke von 1,5 Grad globaler Erwärmung überschritten. In den kommenden zwei Jahrzehnten wird auch der Zehnjahresmittelwert über 1,5 Grad liegen. Selbst das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Abkommens ist inzwischen nur noch schwer erreichbar. Wenn alle derzeitigen politischen Zusagen eingehalten würden, steuern wir auf etwa 2,7 Grad globale Erwärmung zu. Dabei ist zu beachten: Über Land steigt die Temperatur etwa doppelt so schnell wie im globalen Mittel. Für Städte wie Jena würde eine globale Erwärmung um 2,7 Grad voraussichtlich einen lokalen Temperaturanstieg von drei bis vier Grad bedeuten – klimatisch vergleichbar mit heutigen Städten wie Zagreb oder Bologna. Hinzu kommt zunehmende Trockenheit. Neben Hitze und Dürre sind in anderen Regionen Überschwemmungen zentrale Risiken.

Wo gibt es noch Unsicherheiten?

Reichstein: Unsicherheiten bestehen vor allem auf lokaler Ebene und bei Rückkopplungen. Wetter- und Klimasysteme sind komplex und teilweise chaotisch. Wir können Tendenzen klar benennen, aber nicht jeden Ort exakt prognostizieren. Außerdem gibt es Rückkopplungen, z. B. mit Ökosystemen. Derzeit nehmen Böden und Vegetation etwa 25 bis 30 Prozent unserer Emissionen auf – sonst läge die CO₂-Konzentration deutlich höher. Doch bleibt das so? Erwärmen sich Böden, setzen Mikroorganismen mehr CO₂ frei. Wie stark solche Rückkopplungen wirken, ist noch nicht abschließend geklärt.

Wie groß sind die Auswirkungen und kann KI helfen, Vorhersagen zu treffen?

Reichstein: Künstliche Intelligenz hilft in der Forschung, große und komplexe Datensätze auszuwerten und regionale Entwicklungen besser zu verstehen. Sie stößt noch an Grenzen, wenn Erfahrungswerte fehlen oder Kausalitäten extrapoliert werden sollen. Viele Extremereignisse sind durch den Klimawandel deutlich wahrscheinlicher geworden – teils um ein Vielfaches. Manche Ereignisse, etwa die extremen und tödlichen Hit-
zewellen wie im Mittelmeerraum im Juli 2024 oder im Juni 2021 in Kanada, wären ohne Klimawandel praktisch unmöglich gewesen. Gleichzeitig sind die Auswirkungen vielfältig: Hitzewellen belasten den Organismus, Dürren begünstigen Brände, Luftverschmutzung verstärkt gesundheitliche Risiken. Diese komplexen Zusammenhänge experimentell zu untersuchen, ist schwierig. Hier helfen Beobachtungsdaten und KI-Metho-
den, um Muster in hochdimensionalen Datenräumen zu erkennen. Die Extraktion kausaler Beziehungen bleibt allerdings eine Herausforderung. Gleichzeitig bietet KI praktische Chancen: bei Frühwarnsystemen, die anschaulich zeigen, welche Stadtteile bei einem Pegelstand von acht Metern überflutet würden, oder bei der schnellen Auswertung von Satellitendaten für Lageberichte im Katastrophenfall. Auch mehrsprachige Warnungen können Menschen besser erreichen. Entscheidend ist, wie wir diese Technologien einsetzen.


Häufig werden klimapolitische Maßnahmen als unwirtschaftlich und ineffektiv dargestellt. 

Edda Humprecht


Kursieren zum Thema Klimawandel besonders viele Fehlinformationen?

Humprecht: Ja. Der Klimawandel zählt zu den Themen, die stärker von Desinformation betroffen sind. Früher standen vor allem Leugnungsnarrative im Vordergrund – also die Behauptung, der menschengemachte Klimawandel existiere nicht. Heute verschiebt sich der Fokus: Häufig werden klimapolitische Maßnahmen als unwirtschaftlich oder ineffektiv dargestellt. Das hängt damit zusammen, dass der Klimawandel Wirtschafts- und Konsummodelle berührt. Entsprechend stark ist die politische Polarisierung. Solche Narrative werden von verschiedenen politischen Akteuren strategisch eingesetzt, besonders häufig sehen wir das im rechtspopulistischen Spektrum.

Welche Rolle spielen digitale Plattformen?

Humprecht: Plattformalgorithmen priorisieren Inhalte, die viel Interaktion erzeugen – Kommentare, Likes, Shares. Besonders gut funktionieren Beiträge, die starke, meist negative Emotionen auslösen: Wut, Empörung, Angst. Produzenten von Fehlinformationen nutzen das gezielt. Digitale Öffentlichkeiten können stark
fragmentieren. Nutzerinnen und Nutzer sehen häufig überproportional Inhalte, die zu ihren bestehenden Präferenzen passen und das kann Polarisierung verstärken. Fehlinformationen entstehen aber nicht nur online. Wenn politische Eliten bestimmte Narrative aufgreifen und öffentlich vertreten, prägt das die Wahrnehmung stark. Elitenkommunikation hat großen Einfluss.

Wenn etwa Donald Trump den Klimawandel als „Hoax“ bezeichnet – glauben das viele?

Humprecht: Wirkung ist selten unmittelbar. Einstellungen entstehen langfristig und hängen eng mit Vertrauen und politischen Bindungen zusammen. Wer einem politischen Akteur nahesteht, ist eher geneigt, dessen Aussagen zu akzeptieren oder zumindest nicht grundsätzlich infrage zu stellen. Oft geht es weniger um
Täuschung als um die Bestätigung eigener Überzeugungen. Inhalte werden dann weiterverbreitet und gewinnen an Sichtbarkeit. Häufig zielen solche Narrative darauf ab, Eliten oder Institutionen zu delegitimieren – und das kann sich auch gegen die Wissenschaft richten. Während der Pandemie haben wir entsprechende
Dynamiken deutlich gesehen.

Leidet das Vertrauen in Politik und Wissenschaft bei der Verbreitung von Fehlinformationen?

Humprecht: Politisches Vertrauen kann unter anhaltender Polarisierung und wechselseitigen Angriffen leiden. Beim Vertrauen in Wissenschaft sehen wir insgesamt weiterhin hohe Werte. Doch wenn politische Entscheidungen stark auf wissenschaftlicher Expertise fußen und Forschende sehr sichtbar sind, können sie ebenfalls zur Zielscheibe werden – auch das hat die Pandemie gezeigt.


Transparenz ist zentral. Wer Unsicherheiten verschweigt, verspielt Vertrauen.

Markus Reichstein


Herr Reichstein, wie stärkt man Vertrauen, ohne Unsicherheiten zu verschweigen?

Reichstein: Transparenz ist zentral. Wer Unsicherheiten verschweigt, verspielt Vertrauen. Gleichzeitig darf man Unsicherheit nicht so betonen, dass der Eindruck entsteht, wir wüssten nichts. Es geht um eine ehrliche Einordnung.

Wenn Maßnahmen politisch infrage gestellt werden – wie kommt man ins Handeln?

Reichstein: Auf EU-Ebene gab es mit dem „European Green Deal“ ambitionierte Strategien, inklusive konkreter Maßnahmen, die soziale Abfederung berücksichtigten. Dann kamen geopolitische Krisen wie der russische Angriffskrieg, der zu steigenden Energiepreisen führte und politischen Gegenbewegungen. Narrati-
ve haben sich verschoben, nahezu umgekehrt. Als Naturwissenschaftler bin ich da ratlos. Trotzdem ist die Wissenschaft nicht machtlos. Neben Analysen bieten Forschende zunehmend Lösungen an. Beispiele sind Biokohleprojekte wie die sogenannte Terra Preta in Lateinamerika. Kohlenstoff wird im Boden gebunden
und gleichzeitig die Bodenfruchtbarkeit erhöht. Wichtig ist, Maßnahmen wissenschaftlich fundiert und standortspezifisch umzusetzen. Wie erleben Menschen vor Ort den Klimawandel – auf Thüringer Äckern oder in den Skigebieten des Vogtlands? Wissenschaft kann anschlussfähig sein und konkrete Erfahrungen aufgreifen. Nur so entsteht Dialog – und die Grundlage für gemeinsames Handeln.

Humprecht: In der Kommunikationswissenschaft sprechen wir von den Möglichkeiten des konstruktiven Journalismus. Konstruktiver Journalismus versucht, neben Problemen auch Lösungsansätze sichtbar zu machen. Studien zeigen, dass solche Beiträge negative Reaktionen auf Nachrichten abschwächen können und
teilweise zu mehr Interesse oder Engagement führen.

Haben konstruktive Ansätze eine Chance gegen aufmerksamkeitstreibende Algorithmen?

Humprecht: Es gibt durchaus Interesse. Einige internationale Medien integrieren regelmäßig konstruktive Beiträge – und stoßen damit auf positive Resonanz. Dennoch wird man nie alle Zielgruppen erreichen. Informationsaufnahme hängt von Offenheit, Vertrauen und bestehenden Überzeugungen ab.

Information

Dies ist die stark gekürzte Fassung des Gesprächs. Die Diskussion ist als Videocast verfügbar: https://www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00069875Externer Link

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